Heute treffen wir uns zum Endspurt für unsere Projekte erneut im Sigmund-Schuckert-Gymnasium. Die Zeit ist knapp, wir haben nur noch dreieinhalb Stunden um die Projekte fertig zu stellen. Plötzlich geht die Sirene los – Feueralarm, Brandschutzübung. Wir müssen sagen, dass es eine wahnsinnig gute Idee der Schulleitung war, diese Übung auf einen Tag zu legen, an dem die Zeit sowieso schon knapp ist. Nachdem wir wieder in die Schule zurückgekehrt sind, machen wir uns schleunigst an die Arbeit um die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Mit Hochdruck müssen noch einige Interviews fertig gestellt werden und der Film benötigt auch noch eine Menge Arbeit. Zum Mittagessen gibt es Pizza, ein Hochgenuss!

von links nach rechts Matze, Felix und Adri

Das Blogteam bei der Arbeit

 

 

 

 

 

 

 

Am Nachmittag geht es dann in die Stadtbibliothek Nürnberg, wo uns schon Madeleine Weishaupt vom Verband deutscher Schriftsteller erwartet. Sie informiert uns über den Schriftsteller Hermann Kesten. Er wurde im Januar 1900 in der Ukraine geboren und zog 1904 nach Nürnberg, wo er seine Jugend verbrachte. In den 1920er Jahren schrieb er seine ersten Werke wie „Vergebliche Flucht“ und „Joseph sucht die Freiheit“. 1933 floh er nach Frankreich in den kommenden Jahren nach Brüssel und als der Krieg in ganz Europa wütete, schließlich nach New York. Nach dem Krieg kehrt er nach Europa zurück und lebte erst in Rom und ab 1977 in Basel.

1980 verleiht ihm die Stadt nürnberg die Ehrenbürgerschaft, über die er einmal sagte: „Ich fühle mich in keiner Stadt der welt so zuhause wie in Nürnberg und in keiner Stadt der Welt so fremd.“ Ein Jahr vor seinem Tod stiftet er 1995 die Preissumme für die erste Verleihung des Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreises, der alle zwei Jahre verliehen wird.

Nach einer Führung durch die neue Bibliothek, schreiben wir Schlüsselsätze über Krieg und Menschenrechte, die wir ursprünglich auf einen Menschenrechtsgingkobaum hängen wollten. Seit 2007 pflanzt die Stadt Nürnberg Gingkobäume unter denen eine Tafel mit einem Menschenrecht angebracht ist. Da allerdings niemand daran gedacht hat, dass der Gingkobaum zu groß ist und wir nicht an die Äste kommen haben wir am anschließenden Abend die Anhänger an Bäume in der ganzen Stadt verteilt.

Dann ist auch schon sechs Uhr und die Verleihung des Hermann Kesten Preises steht an! Bevor die Interviews, der Film und ein sehr guter, übersichtlicher und äußerst informativer Blog 😉 präsentiert  wird hält Madeleine Weishaupt eine äußerst gelungene Rede, die wir hier veröffentlichen möchten:

 

„(…) Die Realität ist allerdings meistens anders. Sie ist viel komplizierter und trauriger als die Bilder
im Fernsehen. Seit zwei Monaten ist es unruhig und gefährlich in den Städten der Ostukraine. (…)
Ich glaube, dass vor anderthalb Monaten kaum jemand solche Entwicklungen voraussehen konnte.
Serhij Shadan, entnommen dem Ukraine Forum, 12. 2.2014
Es braucht Zeit, die neuen Inhalte in Stellung zu bringen. Alles, was wir jetzt sagen, kann uns
weggenommen werden – alles, nur nicht unser Schweigen. Dieses Schweigen, diese Verweigerung
des Dialogs, aller Formen des Clinchens, ist unser „Terror“ – bedrohlich und gefährlich, ganz so,
wie es sein muss.
Slavoj Zizek, slowenischer Philosoph und Kulturkritiker
Der Konflikt setzt das Denken außer Kraft. Rationales Argumentieren stößt an Grenzen, logische
Erklärungen finden kaum Gehör. „Die Menschen wollen das hören, wovon sie selbst überzeugt
sind, was sie glauben, was richtig ist, alles andere ignorieren sie“, sagt Tetiana. Scheinbar längst
verblichene Rhetorik wird in diesen Tagen wieder salonfähig, viele Ukrainer befürchten ein
Wiederaufflammen des Kalten Krieges. „Auf der Krim ist die Sowjetunion nie richtig zu Ende
gegangen“, sagt Tetiana, die knapp die Hälfte ihres Lebens noch in der Ukrainischen
Sozialistischen Sowjetrepublik verbracht hat. „Ich kann mich erinnern, wie wir als junge Leute an
organisierten Demonstrationen teilnahmen, ‚für Freiheit in Europa‘, weil man uns erzählte, wie
unfrei die Menschen im Westen seien.“
Tetiana Lahodovets, Ukrainerin in Schweiz lebend
Wer jetzt etwas zu sagen hat, der trete vor und schweige.
Karl Kraus, zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges
Montag. Minus 16 Grad. Sonne. Stille. Ich habe die Kinder zur Schule gebracht und bin zur
Revolution gegangen.
Andrej Kurkow, Tagebucheintrag vom 27. 1.2014
Zuhause ist Krieg, zuhause ist Krieg. Die Stimmen am Radio scherben von toten Feinden und
plärrn von Helden und Sieg – Hasserfüllende Boten.
Linard Bardill – aus dem Lied: Dubrovnik / CD „Tanz auf den Feldern“
1
Maxym Liakhov – ein Ukrainer, der in der Schweiz lebt – sagt von sich, dass er ein Pazifist sei, der
nicht ins Militär musste, weil er einen Herzfehler hat. Und im nächsten Atemzug und in festem Tonfall
sagt er, dass auch er zur Waffe greifen würde, stünden plötzlich Separatisten vor seiner Haustür. „Ich
will nicht, dass meine Mutter plötzlich in Russland leben muss. Die haben dort ganz andere
Weltanschauungen und Sitten.“ Der Konflikt in der Heimat radikalisiert die Ukrainer in der Fremde.
Hier wir, die Guten, dort sie, die Russen, die Bösen. Ein Krieg macht aus hellen Geistern dumpfe
Köpfe.
Liebe Schülerinnen und Schüler
das sind Zitate, die ich immer wieder im Kopf habe, die ich in den vergangenen Wochen und
Monaten gelesen habe, auch unabhängig von den Nachrichten aus der Ukraine, aus Deutschland
oder anderen Ländern.
Zuhause ist Krieg – so sprecht vielleicht ihr aus Charkiw.
Wer bekriegt wen und weshalb? – so fragt vielleicht ihr aus Nürnberg.
Zuhause ist Frieden – so sprecht vielleicht ihr aus Nürnberg.
Wird es bei uns bald möglich sein, in Frieden miteinander zu leben? – so fragt vielleicht ihr aus
Charkiw.
Zum zweiten Mal während einer Woche habt ihr Euch mit den Themen einer Erinnerungskultur
und der Menschenrechte auseinandergesetzt. Habt gemeinsam Orte aufgesucht, die Spuren der
Vergangenheit, des Zweiten Weltkriegs, sowohl in Charkiw wie in Nürnberg hinterlassen haben.
Ihr führtet Gespräche mit Menschen, die diese Zeit erlebt haben, die sich mit dem Thema
beruflich beschäftigen und ich gehe davon aus, auch unter Euch fanden Diskussionen statt. Was
ihr dabei gefunden habt, habt ihr zusammen getragen – die Berichte vom vergangenen Jahr zum
Beispiel sind in der Broschüre „Kriegsgewalt und Menschenrechte“ abgedruckt. Auch in diesem
Jahr sind, noch unveröffentlicht, viele Seiten entstanden. Einblicke – Augen-Blicke von Euch
zurück in die Vergangenheit, in die Gegenwart. Was wird aus diesen Ergebnissen als
zukunftsweisend genannt werden können? Visionen wünscht man sich vielleicht, insbesondere
von Euch, der jungen Generation. Vielleicht, des weiteren, solches unter dem Begriff des „Friedens
miteinander und füreinander“. Was in Deutschland mit der Aufforderung „Nie wieder!“ zu einem
wichtigen Alltagshandeln gehört, ist das in der Ukraine eine Utopie?
Wenn ich aus den Zitaten die Namen, Orte und Zeiten weglasse – so sind diese Gedanken
übertragbar in ein Zeitloses und sie sprechen für jeden Menschen und stehen für jedes Land dieser
Welt. Es entsteht ein Kreis des Alles und Überall – was die Frage aufdrängt, haben wir Menschen
eigentlich aus der Vergangenheit gelernt? Kann man aus ihr lernen oder: was soll man aus ihr
lernen? „Nie wieder!“ müsste es seit dem Bestehen der Menschheit heissen – nie wieder,
angefangen bei Kain und Abel, endend in der heutigen Zeit, jetzt in dieser Stunde, wo an vielen
Orten der Welt Männer, Frauen und Kinder in Ungerechtigkeit, missachtet der Menschenrechte
und der Menschenwürde leben müssen. Nicht wissend, was der nächste Tag für ein Leben mit sich
bringen wird, ob man noch leben wird, ob von der Geliebten ein Brief eintreffen wird oder ob das
Schulhaus für die Kinder noch zugänglich sein wird und nicht während der Nacht von Bomben
zerstört worden ist.
Hermann Kesten möge mir verzeihen, dass ich zum Abschluss dieser Gedanken und dem
Überreichen der Auszeichnungen an Euch nicht ihn zitiere, obwohl er der Namensgeber dieses
Preises ist. Ich tue es mit einem Gedicht von Hilde Domin, die 1932 in die Dominikanische
Republik emigrierte und 1954 wieder nach Deutschland zurückkehrte. Ich denke, dieses Gedicht
von ihr ist auch in seinem Sinne passend gewählt und anerkennt würdigend Eure Arbeit, die Ihr
im vergangenen Jahr begonnen und in diesem Jahr fortgesetzt hattet. Doch nicht nur die
Würdigung soll damit unterstrichen werden, sondern auch wie ich es sehe: Euren Brückenschlag
und Eure Freundschaften, die Ihr durch diese gemeinsame Zeit entstehen lassen konntet, sollen
damit begleitet werden. Tragt Sorge zu dem, was Ihr erleben und erfahren durftet, tragt Sorge zu
dem, was Eure Hoffnungen und Visionen sind.

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.“
Madeleine Weishaupt

Nach diesem äußerst gelungen offiziellen Teil, führen wir noch sehr interessante Gespräche mit den Gästen, die sich auch die Interviews an Stellwänden durchlesen können.

Matthias Hippold, Felix Ullherr

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